Vom Los der Kassandra

Editorial zu Ausgabe 22/2011 – Von Andreas Mölzer

Es ist nicht sonderlich originell, wenn sich eine oppositionelle Kraft durch Kassandra-Rufe bemerkbar macht. Der typisch oppositionelle Reflex, daß alles, was die Regierung tue, falsch sei, kommt wenig überraschend für den Beobachter. Und daß Oppositionsparteien dazu neigen, immer und überall dagegen zu sein, auch nicht.

Schon eher überraschend – wenn auch keineswegs erfreulich für das Land – ist es da, daß die oppositionellen Kassandra-Rufe sich in letzter Zeit mit geradezu mathematischer Regelmäßigkeit zu bewahrheiten pflegen: Nehmen wir etwa die Euro-Krise. Wenn wir das, was die freiheitliche Opposition im Lande vor Jahr und Tag gesagt hat, daß nämlich die Griechenland-Hilfe verfehlt sei, heute auf seinen Wahrheitsgehalt überprüfen, müssen wir feststellen, daß sich dieser Kassandra-Ruf eins zu eins erfüllt hat. Und wenn wir die aktuellen oppositionellen Aussagen etwa zum Euro-Schutzschirm, zum sogenannten „Europäischen Stabilitätsmechanismus“, die in diesen Tagen fallen, hernehmen, dürften wir in wenigen Monaten feststellen, daß diese Kassandra-Rufe auch der Wahrheit entsprechen.

Nun ist es keineswegs erfreulich, wenn man mit seinen pessimistischen Prognosen stets Recht hat. Es wäre ja durchaus wünschenswert und schön, wenn die Euro-Euphoriker Recht hätten und Griechenland so mir nichts, dir nichts gerettet werden könnte. Es wäre ja schön, wenn sich der Euro als starke Währung erwiese, die allen Stürmen trotzt und in der Lage ist, unsere ökonomischen Interessen quer durch die Welt durchzusetzen. Und es wäre schön, wenn diese Europäische Union, in der wir zur Zeit leben, das Land wäre, in dem Milch und Honig fließen, in dem Freiheit, Sicherheit und Wohlstand herrschen. Und das auf Dauer.

Allein, den Menschen fehlt der Glaube daran. Die Griechen demonstrieren täglich, daß sie schlicht und einfach nicht in der Lage sind, die harten Sparziele zu erfüllen. Und sei es nur darum, weil sie eben ihrer Grundmentalität widersprechen. Die political correctness erfordert natürlich, darüber zu schweigen, daß es bei den „pittoresken Bankrotteuren“ an der europäischen Südflanke Völker gibt, die in Sachen Produktivität, Fleiß und Arbeitsgesinnung eben unseren Standards und auch jenen des Internationalen Währungsfonds nicht ganz entsprechen. Als Kanzlerin Angela Merkel dieser Tage sagte, die Griechen müßten eben arbeiten, wurde sie prompt gescholten wegen dieses angeblich diskriminierenden Ausfalls. Aber so ist es eben. Von den politisch und medial etablierten Kräften her will man die Realität nicht sehen. Der Kassandra-Rufer hingegen erweist sich immer mehr als Realist und nicht nur als mißgünstiger Oppositioneller.

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Ein ganz schwacher Kassandra-Ruf, den sich der Autor dieser Zeilen vor einer Woche erlaubte, an dieser Stelle anzubringen, nämlich die ein wenig bange Frage, ob die zweifelsohne bei den nächsten Wahlgängen erfolgreichen Freiheitlichen dann wohl auch die entsprechenden Reformkonzepte für die Sanierung des Landes vorzuweisen hätten, erwies sich als Aufreger.

Die medialen Gegner der Freiheitlichen – mit einem Wort nahezu alle Medien – griffen dies auf und behaupteten, der Autor hätte die Regierungsfähigkeit der Freiheitlichen samt und sonders verneint. Was dem Vernehmen nach innerhalb der Führungsspitze der Oppositionspartei auch nicht gerade Wohlgefallen auslöste.

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Eine Lächerlichkeit der Sonderklasse spielt sich dieser Tage quer durchs Land ab: Demonstrativ werden wirkliche oder auch nur vermeintliche Ehrenbürgerschaften des im April 1945 verblichenen Braunauers durch Gemeinderatsbeschlüsse getilgt.

Wenn dann verwerflicherweise da und dort ein FPÖ-Gemeinderat der Meinung ist, man solle doch jene Rechtsmeinung beherzigen, nach der die Ehrenbürgerschaft mit dem Tod des Unaussprechlichen ohnehin erloschen sei, und man dürfe nicht den Eindruck erwecken, die eigene Gemeinde hätte diese Ehrenbürgerschaft über 60 Jahre nach Kriegsende weiter gewissermaßen positiv aufrechterhalten, dann wird sofort gemutmaßt, diese Menschen seien Anhänger des Braunauers.

Aber genau diese Unterstellung soll sich letztlich als nützlich erweisen, im Kampf gegen die FPÖ und ihre erfolgreichen Kassandra-Rufe. Oder etwa nicht?