Die ländliche Jugend will sicher keinen Wandel

Nahost-Experte Peter Scholl-Latour über den Machtkampf im Iran, die wahre Einstellung der Jugend, die Reaktionen von US-Präsident Obama und die iranische Atombombe

Herr Prof. Scholl-Latour, im Iran kommt es einerseits immer noch zu Zusammenstößen, und andererseits will der Wächterrat eine Sonderkommission einrichten bzw. mit der teilweisen Stimmenauszählung beginnen. Wie wird es nun weitergehen?

Peter Scholl-Latour: Das System ist in gewisser Beziehung erschüttert und die Autorität des höchsten geistlichen Führers in Frage gestellt, aber die Beharrungskräfte sind doch noch sehr stark. In Teheran hat man jetzt eine neue Masche gefunden und versucht, die Briten – und nicht die Amerikaner – verantwortlich zu machen, aber das entspricht einem tiefen Volksempfinden, weil sich Großbritannien schon seit dem 19. Jahrhundert immer wieder in die iranische Politik eingemischt hat und man dort den Briten alles zutraut.

Inwieweit stimmen da die Gerüchte, daß auch die USA ihre Finger im Spiel haben sollen?

Scholl-Latour: Es gibt eine Gruppe von Exiliranern – das sind die Volksmudschaheddin – die eine Art marxistischen Islam praktizieren. Diese sehr geheime Zellenorganisation steht unter dem Befehl einer Frau, Mariam Radschawi, und hat während der ganzen Zeit der Islamischen Republik teilweise sehr schwerwiegende Attentate verübt. Einmal, 1981 hat es hat 40 prominente Tote gegeben, und während des Golfkrieges (1980–1988, Anm.) den Saddam Hussein ja ausgelöst hat, haben sie auf Seiten Saddam Husseins gekämpft. Und das verzeiht ihnen die Masse der Iraner nicht, auch wenn sie Regimegegner sind. Im Grunde sind sie Ausgestoßene, aber sie haben die Unterstützung von den Amerikanern gehabt und versuchen natürlich, auch ihrerseits Terrorismus zu stiften.

Wie geschlossen ist eigentlich noch die Führung im Iran und inwieweit ist der oberste geistliche Führer Khamenei angeschlagen?

Scholl-Latour: Khamenei ist zweifellos geschwächt. Khamenei hat eine Funktion übernommen, für die er nicht prädestiniert war. Das war eine einmalig Position, die im Grunde nur Ajatollah Khomeini ausfüllte, nämlich laut Artikel 5 der Verfassung interpretiert er den Willen des verborgenen Imames, das ist eine Art schiitischer Messias, der eines Tages wiederkommen sollte. Aber dafür ist eben die Figur von Khamenei nicht bedeutend und charismatisch genug und sie ist jetzt durch diese Zwischenfälle noch natürlich zusätzlich geschwächt worden.

Könnte Khamenei, um die Lage zu beruhigen, zu einer Art Bauernopfer werden?

Scholl-Latour: Soweit sind wir noch nicht. Denn das wird die Armee, vor allem die Pasdaran, die Revolutionswächter, die etwa 150.000 Mann zählende Kerntruppe des Regimes, nicht zulassen. Im Iran ist das Verhältnis zwischen Armee und Pasdaran dasselbe wie es früher war in Deutschland zwischen Wehrmacht und Waffen-SS. Wenn die Revolutionswächter nun wirklich die Macht ausüben wollen, die sich auch auf wirtschaftlichem Gebiet sehr konsolidiert haben, werden sie wahrscheinlich doch diese Frontfigur belassen. Aber es gibt eine große und fundamentale Auseinandersetzung zwischen Khamenei auf der einen Seite und dem reichsten und einflußreichsten Mann im Bürgertum, dem Ajatollah Haschemi Rafsandschani, auf der anderen Seite, der auch noch Vorsitzender des Expertenrates ist, der den höchsten Führer bestimmt oder kontrollieren soll.

Wagen Sie schon eine Prognose, wie der Machtkampf ausgehen wird?

Scholl-Latour: Das ist im Moment noch nicht zu sagen. Aber man soll nicht zu große Hoffnungen auf einen durchgreifenden Wandel setzen. Man redet immer davon, daß die Masse der Bevölkerung unter 30 Jahre alt ist, was das stimmt. Das gilt für die bürgerlichen, aber das gilt auch für die armen Leute, und die Bassidschi, die mit ihren Knüppeln auf Motorrädern herumfahren, sind immerhin eine Organisation, die mindestens drei Millionen Menschen im ganzen Land stark ist. Das sind auch junge Leute. Es ist also nicht so, daß die jungen Leute nur hinter Mir-Hossein Mussawi wären, der ohnehin eine umstrittene Figur ist. Denn er hat (als Premierminister, Anm.) unter Khomeini ein sehr hartes Regiment geführt, und unter ihm sind viele Leute hingerichtet worden, und er hat auch mit der Atomrüstung des Iran begonnen.

Dann sind also die Darstellungen in den westlichen Medien übertrieben, wonach die ganze Jugend im Iran einen Wandel will?

Scholl-Latour: Das ist völliger Blödsinn! Denn die ländliche Jugend will es mit Sicherheit nicht, und die arme Jugend auch nicht. Gut, es gibt auch solche armen Leute, die nach Freiheit dürsten, aber die stehen eher im Zeichen eines gewissen Klassenkampfes. Genauso wurde bei der Revolte die Bedeutung der Frau im Iran unterstrichen: Wenn sie nicht diesen verdammten Tschador tragen müßte, wäre die Frau im Iran wahrscheinlich einflußreicher und wirkungsvoller als in allen anderen islamischen Ländern, denn 60 Prozent der Studenten in Teheran sind Frauen, die Vizepräsidentin des Staates ist eine Frau, im Parlament sitzen Frauen, die diskutieren, Chefredakteure sind Frauen, also das ist ganz anders als Saudi Arabien.

Auffallend zurückhaltend sind die Reaktionen von US-Präsident Obama. Fürchten etwa die USA, daß das Beispiel Iran Schule machen könnte und z. B. auch die Menschen in Ägypten und Saudi Arabien – zwei wichtigen Verbündeten Washingtons in der Region –nach mehr Freiheit rufen könnten?

Scholl-Latour: Ich glaube, daß Obama vor allem in der ersten Stunde richtig reagiert hat und sich jetzt ein bißchen dem Druck dem breiten Öffentlichkeit beugt. Aber er hat vernünftigerweise versucht, Realpolitik zu betreiben und versucht, sich nicht hinter die Kundgebungen zu stellen, weil diese nicht von Amerika geschürt wurden und das auch der Opposition nachträglich gewesen wäre. Was nun die umliegenden Ländern betrifft, so betrachtet Saudi Arabien mit seinen wahhabitischen, also extremistischen Sunniten von der Theologie her die schiitischen Perser als schlimmere Ketzer als die Christen und Juden. Da besteht eine jahrhundertelange Feindschaft, und es gibt zwei Betrachtungen von dieser arabischen Seite: Man fürchtet einerseits die Macht Persiens. Persien bzw. der Iran waren immer der Machtfaktor im Persischen Golf, an dem sie nicht vorbeikommen. Und andererseits fürchten sie aber auch, daß sich in der eigenen Jugend dieser Geist der Freiheit und der Emanzipation breit machen könnte.

Auffällig war, daß im Westen – sowohl vor der Präsidentenwahl als auch danach – das Atomprogramm keine Rolle gespielt hat, obwohl alle Kandidaten dafür waren.

Scholl-Latour: Keiner der vier Kandidaten hat sich gegen das Atomprogramm ausgesprochen, und wie schon gesagt ist auch Mussawi kein Gegner der iranischen Atombombe. Daher drängt ja auch Obama, während sich diese Streitigkeiten in die Länge ziehen, auf schnelle Wiederaufnahme von Verhandlungen, weil ja Direktverhandlungen zwischen dem Iran und den USA geführt werden müssen. Es geht nicht immer über die Europäer, die ja nichts zu sagen haben und keine eigene Meinung zustande bringen. Ob die Iraner überhaupt auf die Atombombe verzichten werden, weiß man nicht, aber wir müssen uns darauf einstellen, daß in absehbarer Zeit eine iranische Atombombe existieren wird. Die wird nicht benutzt werden, um auf die USA Raketen abzuschießen – das ist ein völlig blödsinniger Gedanke, und ich weiß gar nicht, wie man so etwas abdrucken kann. Und auch Israel ist nicht durch iranische Atombomben bedroht, obwohl es das behauptet. Denn Israel hat inzwischen genügend Atompotential auf seinen U-Booten, um den ganzen Iran zu zerstören, abgesehen davon, daß die Amerikaner dann auch den Iran auslöschen würden. Im übrigen wäre eine Atombombe in der Hand einer stabilen, wie auch immer gerichteten iranischen Regierung oder Armee sehr viel weniger zu befürchten als die pakistanische Atombombe. Denn der Unruheherd, der uns bei mehr beängstigen muß, ist Pakistan.

 
Das Gespräch führte Bernhard Tomaschitz.