Rezepte gegen den Verfall der Werte

Das Davoser Forum erreichte nicht die Fundamente der Krise – Von Johanna Christina Grund

Vieles war anders als in den Jahren zuvor an dieser 40. Veranstaltung des Weltwirtschaftsforums im Graubündner Kurort Davos vom 27. bis 31. Jänner. Die durch Geldgier und Maßlosigkeit verursachte Krise des Finanzsystems und der wirtschaftlichen Effizienz gab der Tagung eine völlig gewandelte Tendenz. Plötzlich verschmähten die 2.500 Wirtschaftsführer der Welt aus rund 90 Staaten und eine Politikerelite, im Kollektiv mitverantwortlich für die miserable Situation, alle ihre guten Ratschläge der Gewinnmaximierung von früher. Den Zustand der Welt zu verbessern durch Überdenken von griffigen Maßnahmen, durch Umgestalten von Regeln und Mechanismen und durch Erneuern von Ideen des Auswegs aus der Krise, stand im Mittelpunkt aller Diskussionen. Überdeckt wurde das Forum von einer Stimmung der Selbstgefälligkeit und der Rückkehr zu früheren Praktiken der Wirtschaftsleitung.

Kontroverse Auffassungen prallten zwischen dem drastischen Appell des französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy, die Banken durch Sondersteuern und Abgaben stärker zu regulieren, ja zu strangulieren und den Vertretern internationaler Banken aufeinander, die damit drohten, in einem solchen Falle die Steuern auf die Kunden abzuwälzen und die Kreditvergabe gerade an die mittelständische Wirtschaft, die die meisten Arbeitsplätze schafft, zu drosseln. Die Orientierungslosigkeit war greifbar. Tatsächlich hat die sogenannte „Wirtschafts- und Finanzkrise“, die eigentlich eine Krise bürgerlicher Wertvorstellungen ist, schon unerträglich viel zum Rückzug demokratischer und gesellschaftlicher Grundfreiheiten beigetragen, ja unter dem Vorwand von Sicherheit und Abwehr der Steuerflucht vom an der Malaise unschuldiger, aber immer stärker geschröpfter Bürger zu deren Versklavung geführt. Der Kampf der politisch und wirtschaftlich Mächtigen gegen jede private Freiheitssphäre von Menschen grenzüberschreitend bringt skurrile, durch Zwang und Drohung erzwungene Verordnungen hervor.

Die Grundeinstellung der Banken, zum Kundennutzen zu arbeiten, schwindet im Feldzug hochverschuldeter Staaten gegen das Bankgeheimnis.

Was in Davos als Rezept ausgegeben wurde, lief auf eine gigantische Selbsttäuschung über die Auswüchse des Finanzkapitalismus’ hinaus. Damit erreichte das Forum nicht die Fundamente der Krise. Alle Bestrebungen, der Krise durch neue Vorschriften beizukommen, um die Sparer zu gängeln, wirken doch hilflos. Wir stehen vor einem massiven Verfall der Werte der menschlichen Moral. Spontaneität der Handlungen hat das für den Zusammenhalt der Gesellschaft so wichtige Langfristdenken abgelöst. Ein Mangel an Loyalität und an Vertrauen durchzieht das Zusammenleben der Menschen. Damit verbunden ist der Verlust der Verantwortung für das eigene Schicksal und deren Verweisung auf den Staat. Im Falle unternehmerischen Scheiterns durch die Führung der Bank und durch die das Land führenden Politiker müssen Institute wie in Kärnten die Hypo-Alpe-Adria-Bankengruppe durch den Staat vor einem Totalverlust gerettet werden. Die Last wird auf den steuerzahlenden Bürger, der mit der Mißwirtschaft dort gar nichts zu tun hat, abgewälzt. Die große Mehrheit der Bürger wird nie verstehen, daß im Finanzsektor viel höhere Saläre unabhängig von Gewinn oder Verlust anfallen als in der normalen Wirtschaft.

Inwieweit das Forum von Davos bei der Suche nach Rezepten zum „Überdenken, Umgestalten und Erneuern“ auf dem Weg aus der Krise diese fundamentalen Schwächen erkannt hat und Hand anlegen läßt, um sie positiv zu verändern, sei dahingestellt. Sonst war alles nur ein großes Palaver. Außenminister Michael Spindelegger bemühte sich übrigens in Gesprächen mit der Leitung des WWF um die Einberufung eines regionalen Forums nach Davoser Vorbild für Osteuropa und den Balkan ab 2011 in Österreich. Konkrete Zusagen gab es noch keine.